Journalisten Symposium 2013

Innovationen im Journalismus: Welche Ideen sind zukunftsfähig?

Während die Konjunktur in Deutschland nach Jahren der Finanz- und Eurokrise wieder an Fahrt gewinnt, stecken die Medien in einem weitreichenden Umbruchprozess. Einige traditionsreiche Zeitungsmarken sind in den vergangenen Monaten vom Markt verschwunden, andere kämpfen um ihr Überleben. Gleichzeitig werden neue und vielversprechende Online-Medien aus der Taufe gehoben. Wie lässt sich anspruchsvolle journalistische Arbeit künftig finanzieren? Welche Chancen haben unabhängige Magazine, die ihre Existenz zum großen Teil dem Engagement und Enthusiasmus ihrer Gründer verdanken? Und wie lassen sich Online-Medien intelligent mit konventionellen Print- und TV-Formaten verbinden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Journalistensymposiums 2013 im Rahmen des Helmut Schmidt Journalistenpreises.

"Die Medien stehen heute am Übergang von der Old zur New Economy", betonte Dr. Ulrich Ott, Leiter Unternehmenskommunikation der ING-DiBa zu Beginn der Diskussion in Hamburg. Die Bank stiftet seit 18 Jahren den Helmut Schmidt Journalistenpreis und hatte in diesem Jahr zum zweiten Mal das von Clarissa Ahlers (NDR) moderierte Symposium organisiert.

Wenn die verkaufte Auflage sinkt und der Kampf um Anzeigen immer heftiger wird - welche alternativen Formen der Finanzierung bleiben dann für unabhängige Medien? Professor Dr. Stephan Weichert von der MHMK Macromedia Hochschule Hamburg, stellte ein außerordentlich erfolgreiches Modell aus den USA vor. Das von Paul E. Steiger gegründete Online-Medium "ProPublica" verspricht "Journalism in the Public Interest" und finanziert sich durch Stifter und Sponsoren, was nach Ansicht von Professor Weichert der Unabhängigkeit des Mediums keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, "ProPublica" hat bereits zweimal den Pulitzer-Preis gewonnen, also den "Oscar" für herausragende journalistische Leistungen.

Ungewöhnlich ist indessen nicht nur das Finanzierungsmodell. Gleiches gilt für die Form der journalistischen Präsentation. So wurde das umstrittene Thema Fracking etwa mithilfe eines Musikvideos aufbereitet. Und die Hintergründe der Finanzkrise werden den Usern in einem Comic deutlich gemacht.

Malte Brenneisen, Professor Dr. Stephan Weichert

 

Doch nicht nur finanzkräftige Sponsoren und Stifter können zu einer pluralistischen Medienwelt beitragen, sondern auch viele Menschen, die mit Spenden oder Beteiligungen ein (Medien-)Projekt ermöglichen wollen. Der freie Journalist Daniel Bröckerhoff machte in seinem Vortrag Chancen und Grenzen des sogenannten Crowdfunding, also der "Schwarmfinanzierung", deutlich.

Andreas Eck, Redaktionsleiter ZDFinfo "log in", berichtete über den erfolgreichen Versuch, Fernsehen und Social Media miteinander zu verschmelzen und mit starken interaktiven Elementen ein Dialog auf Augenhöhe mit den Zuschauern zu führen. "Natürlich geben die Journalisten damit einen Teil ihrer Meinungsführerschaft auf", betonte Eck. Die Interaktivität verändere zudem die politische Diskussionskultur und ziehe nicht zuletzt junge Zuschauer an.

Über 100 unabhängige Magazine aus völlig unterschiedlichen thematischen Bereichen untersuchte Malte Brenneisen, Absolvent der Universität Hamburg. Den Teilnehmern am Journalistensymposium präsentierte er nun die Ergebnisse seiner Masterarbeit "Independent Magazines". Unabhängig bedeutet aus Sicht Brenneisens, dass hinter dem Medium weder ein Großverlag noch ein Unternehmen oder Verein steht. Eine wichtige Erkenntnis seiner Untersuchung: Die Erfolgschancen solcher Magazine steigen, wenn sowohl die Redaktion als auch die wirtschaftliche Leitung des Objekts in einer Hand liegen.

Wenige Tage vor dem Start im Internet präsentierten Studierende der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Berlin) unter der Leitung von Markus L. Blömeke und Professor Dr. Verena Renneberg das neue Männermagazin "Centurio". Innovativ ist dieses Projekt aus Sicht seiner Initiatoren vor allem in zweierlei Hinsicht: Erstens steht kein Verlag dahinter, sondern eine Hochschule. Und zweitens dürfen auf "Centurio" ausschließlich Frauen für Männer schreiben.

Eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde beschäftigte sich abschließend mit der Frage, welche Ideen die journalistische Zukunft bestimmen. Von reinem Aktionismus getriebene Innovationen bringen nicht die erhofften Erfolge. Davon ist Professor Dr. Volker Lilienthal von der Universität Hamburg überzeugt. "Das Publikum goutiert Innovationen nicht ohne Weiteres", stellte der Inhaber der Rudolf Augstein-Stiftungsprofessur für "Praxis des Qualitätsjournalismus" fest. Innovationen müssten immer von einer stringenten Kommunikation begleitet werden. Mit dem Begriff "Qualitätsjournalismus" hat Professor Lilienthal gewisse Probleme: "Das ist eigentlich ein ‚Weißer Schimmel'. Es ist doch selbstverständlich, dass Journalismus Qualität bieten muss. Jede Innovation sollte deshalb auch überraschen".

Podiumsdiskussion: Peter Frey, Horst von Buttlar, Moderatorin Clarissa Ahlers, Oliver Eckert, Prof. Dr. Volker Lilienthal (v.l.n.r.).

 

Ist die im Oktober online gegangene deutsche Ausgabe des US-Erfolgsprodukts The Huffington Post eine solche Innovation? Oliver Eckert, Geschäftsführer der Tomorrow Focus Media, zeigt sich mit den ersten Erfahrungen "zufrieden". Für ihn ist dieses Online-Medium eine Art "Hybridauto": Es wird gleichermaßen angetrieben von hauptberuflichen Journalisten und von den honorarfreien Beiträgen von Gastautoren - "aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen", wie Eckert betonte. In den USA habe die Huffington Post schon rund 50.000 Gastautoren.

Für Dr. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, ist es wichtig, auch gegen den Mainstream zu schwimmen und Gegenargumente vorzutragen, statt nur die Mehrheitsmeinung wiederzugeben. Mit seinen Online-Angeboten sei es dem ZDF gelungen, jüngere Zielgruppen anzusprechen. Aber auch mit der Nachrichtensendung "heute journal" gewinne der Sender in zunehmendem Maße junge und mittlere Zuschauer. Frey räumte jedoch ein, der Sender habe noch immer Probleme mit der Zielgruppe von unter 50 Jahren.

Weg von der reinen Anlegerzeitung, hin zu einem Magazin, das sich an der Maxime orientiert: "Wirtschaft ist Gesellschaft" - dieser Strategie folgt das neue "Capital" unter der Leitung von Chefredakteur Horst von Buttlar. "Unsere Traditionsmarke besteht schon seit 1962. Doch im Laufe der Zeit wurde die Leserschaft immer älter. Manche Leser schreiben mir noch Briefe auf mechanischen Schreibmaschinen", berichtete von Buttlar. Es sei eine große Herausforderung für ihn gewesen, diesen Traditionstitel neu zu positionieren. Die Mehrheit der Leser habe diesen Relaunch begrüßt. Und nicht nur die: Kürzlich erhielt "Capital" bei den renommierten Lead Awards den erstmals vergebenen "Preis der Akademie" in Bronze - für den entschlossenen Relaunch des Magazins.

Einen Rückblick auf das Symposium gibt das folgende Video: