Journalisten Symposium 2012

Weniger Mainstream und Nebelsprech

In Zeiten der Krise wächst das Interesse an Wirtschaftsthemen. Doch wie sollten die Medien reagieren? Fachjournalisten suchten auf einem Symposium nach Antworten.

Auch dies ist eine Folge der Finanz- und Euro-Krise: Nie war das Interesse der Bürger an Wirtschaftsthemen so groß wie derzeit. Gleichzeitig trauen immer weniger Menschen den führenden Akteuren aus Politik und Wirtschaft. Denn "die Bürger haben genaue Vorstellungen davon, was Kommunikation über Wirtschaftsthemen leisten soll", fasste Professor Claudia Mast ein wichtiges Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zusammen. Die Lehrstuhl-Inhaberin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim eröffnete mit der Präsentation ihrer in Zusammenarbeit mit der ING-DiBa erstellten Langzeitstudie das Symposium "Krise(n) ohne Ende - Braucht der Wirtschaftsjournalismus eine Neuorientierung?".

Podiumsdiskussion: Moderatorin Clarissa Ahlers, Arno Balzer, Mathias Müller von Blumencron, Jörg Schönenborn und Hermann-Josef Tenhagen (v.l.n.r.).
Vertrauen für Journalisten

Man könnte diese Frage verneinen, klingt eines der Studienergebnisse für die Medien doch durchaus schmeichelhaft: Bei Wirtschaftsfragen genießen vor allem Wissenschaftler und Journalisten großes Vertrauen. Dennoch müssen sich die Medien auf eine veränderte Erwartung der Bürger einstellen, die sich "Grenzgänger" wünschten, sagte Mast. Also Journalisten, die die Welt der Wirtschaft im Blick haben, ohne zu ihrem verlängerten Arm zu werden. Die Menschen wollten konkrete Informationen, wobei sie nicht nur als Verbraucher wahrgenommen werden wollten, sondern "auch als Staatsbürger, Steuerzahler, Arbeitnehmer und Sparer", so die Wissenschaftlerin. Die Studienergebnisse lieferten reichlich Diskussionsstoff für das von Thomas Bieler (ING-DiBa) eröffnete und von Clarissa Ahlers (NDR) moderierte Symposium. Braucht der Wirtschaftsjournalismus also eine Neuorientierung? Nach Ansicht von Michael Inacker täte ihm zumindest mehr Mut zur Meinung gut. Ein sich ständig verengender Mainstream-Journalismus fördere nicht nur eine "konformistische Gesellschaft". Vielmehr schrieben Journalisten teilweise an ihren Lesern vorbei, was die Zahl der Nichtleser ständig wachsen lasse, sagte der stellvertretende Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros des "Handelsblatt". Oliver Schröm und Christina Elmer vom Team Investigative Recherche des "Stern" stellten das Internet als facettenreiche Recherchequelle vor. "Im Internet gibt es nicht nur eine Datenflut, sondern einen Daten-Tsunami", sagte Teamleiter Schröm. Diesen gelte es zu kanalisieren und aufzubereiten. Wie das funktioniert, erläuterte seine Kollegin Elmer. Der "Stern" habe einen anonymen elektronischen Briefkasten auf seiner Internetseite eingerichtet. "Man muss Informanten ja nicht in der Tiefgarage treffen", so Elmer augenzwinkernd. Sie erläuterte, wie sich durch Crowdsourcing neue Zugänge zu potenziellen Quellen erschließen lassen. Eine wichtige Rolle spielten Twitter, Facebook und andere Netzwerke sowie Scraping, also "Daten-Fischen" im Internet. Detlef Flintz von der WDR-Redaktion "Markt und Plusminus" stellte mit dem TV-Format "Markencheck" eine neue, erfolgreiche Form des Wirtschaftsjournalismus vor. "Journalisten machen häufig zwei Fehler: Sie halten das für wichtig, was sie persönlich interessiert, und sie sehen einen nicht immer vorhandenen Zusammenhang zwischen Rechercheaufwand und Relevanz des Themas."

Clarissa Ahlers (li.), Professor Claudia Mast, Michael Inacker: Das Symposium brachte viele interessante Anstöße für einen neuen Wirtschaftsjournalismus.
Mikro- und Makrothemen

"Viele Kollegen verdienen nur noch Mitleid", sagte Arno Balzer, Chefredakteur "Manager Magazin", in der anschließenden Podiumsdiskussion. Er spielte damit auf die nicht immer leistungsadäquate Bezahlung von journalistischen Talenten an. Das gehe früher oder später auf Kosten der Qualität der Arbeit. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur "Finanztest", skizzierte die Erwartungen der Bürger an den Wirtschaftsjournalismus: Gewünscht sei eine Verknüpfung von Mikrothemen aus dem eigenen Konsumverhalten mit wirtschaftlichen Makrothemen. Laut Jörg Schönenborn, Chefredakteur WDR Fernsehen, habe die Krise vielen die Augen dafür geöffnet, "dass unser Leben nicht nur von nationalen, sondern zunehmend von internationalen Entwicklungen beeinflusst wird". Das grundsätzliche Interesse an globalen volkswirtschaftlichen Themen wachse. Für Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur und Digitalchef "Der Spiegel", ist das Smartphone mit den ständig verfügbaren Informationsmöglichkeiten der "große Konkurrent" der Journalisten. Die Menschen wollten spannende Geschichten, ob in Print- oder Online-Formaten. Das gelte auch für komplexe Wirtschaftsthemen.

Das Programm der Veranstaltung finden Sie hier.

Einen Rückblick auf das Symposium gibt das folgende Video: